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Bündnis 90/Die Grünen

Landkreis Passau

  • Beim Ortstermin auf dem Deich am Grenzkraftwerk Neuhaus/Schärding waren unter anderem dabei: Verbund-AG-Ingenieur Richard Ranftl (2.v.l.), die Gemeinderätinnen Sabine Mayerhofer (4.v.l.) und Vroni Lippl (6.v.l.) und die Landschaftsarchitekten Dorothee Hartmann und Thomas Herrmann (4. und 3.v.r.) -Foto: Syrowatka

Käfer-Flugbahn startet in Neuhaus

Grenzkraftwerke wandeln Dämme in ökologisch wertvolle Flächen um

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13. May. 2022 –

Der Inn-Staudamm, der in Neuhaus am Grenzkraftwerk flussaufwärts startet, sieht auf den ersten Blick recht nüchtern aus: ein aufgeschütteter Wall, dessen Böschung von Wiese bedeckt ist bis zum Horizont. Hier und da wächst ein kleiner Busch. Einen Steinwurf vom Fuß auf der Landseite entfernt verrotten alle paar hundert Meter Baumstämme auf im Sand scheinbar zufällig herumliegenden Felssteinen. Angeblich aber sollen auf diesem Deich seit ein paar Jahren ökologisch wertvolle Flächen geschaffen werden.

Um den Stand zu erfahren hatte Grünen-Gemeinderätin Veronika Lippl einen Ortstermin mit Vertretern der zuständigen Grenzkraftwerke angeregt. Von Verbund, Betreiber des Grenzkraftwerks am Inn, kam Pressesprecher Wolfgang Syrowatka und Ingenieur Richard Ranftl, von "Landschaft + Plan Passau" die Landschaftsarchitektin Dorothee Hartmann und ihr Kollege Thomas Herrmann. Mit dabei: Gemeinderätin Sabine Mayerhofer (SPD), die Vorsitzenden der Landkreis-Grünen Claudia Woller und Dirk Wildt, interessierte Neuhauser Bürger und Bad Füssings 3. Bürgermeisterin Brigitte Steidele.

Im Prinzip sei es mit der aktuell laufenden Ertüchtigung nach dem Jahrhunderthochwasser von 2013 losgegangen, erklärt Ingenieur Ranftl. Unter anderem war damals an der Donau auf der Höhe Fischerdorf in Deggendorf der Deich gebrochen, das Wasser bahnte sich seinen Weg viele Kilometer tief ins Inland, hunderte Häuser wurden überschwemmt. "Normen wurden nachgebessert", erinnert sich der Ingenieur. Auf deutsch: In der Folge mussten Deiche so genau wie noch nie auf Schwachstellen untersucht und in jedem Fall Bäume und Gehölz entfernt werden. Denn wenn Bäume vom Sturm umgeworfen werden, reißen deren Wurzelteller große Löcher in die Damm-Oberfläche. Abgestorbene Wurzeln verrotten und lassen im Schutzwall hohle Röhren zurück, im schlechtesten Fall laufen diese voll Wasser und unterspülen das Bauwerk.

Wer auf dem Deich bei der Wiese genau hinschaut und sich ein wenig in der Welt kleiner Pflanzen und Tiere auskennt, sieht auf den zweiten Blick mehr als nur Gras. Auf der dem Inn zugewandten Seite wächst großflächig Zypressen-Wolfsmilch, ihre Blüten sind gelb, ihr Nektar riecht ganz leicht nach Honig. Mittendrin und am Rand reckt sich eine stengelige Pflanze mit kleinen weißen Blüten empor: die Rauhaarige Gänsekresse. Ihre Samen enthalten Senföl. Die Pflanze gehört zu den bedrohten Arten und steht in Niederbayern auf der Vorwarnliste. Auf der Dammkrone mitten auf dem Fuß- und Fahrradweg setzt sich ein kleiner Brummer auf eine gelbe Blüte: eine erdnistende Wildbiene.

Vor fünf Jahren erhielt das Büro "Landschaft + Plan Passau" in Neuburg am Inn von Verbund den Auftrag, ein sogenanntes Bewuchskonzept zu erarbeiten. Dieses soll regeln, wie der Damm gehölzfrei gestellt wird, aber dies eben möglichst auf naturverträgliche Weise. Das Arten- und Biotopschutzprogramm des Landkreises Passau sieht darüber hinaus für die Inn-Dämme vor, dass sie als überregionale Verbundachse mit mageren Wiesen den Artenreichtum stärken.

In den ersten drei Jahren wurden die Bäume auf dem 18 Kilometer langen Damm nach und nach gefällt, "so dass die Vögel Zeit hatten, neue Nistplätze zu finden", erläutert Landschaftsarchitektin Hartmann. Die verrottenden Baumstämme gegenüber des Deich-Fußes sind "Stein-Holz-Sand-Strukturen" und seien ideale Rückzugsorte für Reptilien wie etwa die Schlingnatter und die Zauneidechse. Die schätzten auch die wenigen Büsche auf dem Deich, wenn ein Greifvogel hoch oben seine Kreise zieht. Die Wildbiene nutze diese als "Rendezvous-Platz". 21 Hektar artenreiche Magerwiese sei auf dem gesamten Damm geschaffen worden, ergänzt Landschaftsarchitekt Herrmann und ist begeistert über die Vernetzungsstruktur: "Ein Käfer, ein Schmetterling kann von hier 18 Kilometer weit fliegen." Bis der Deich abschließend umgestaltet ist, dauert es noch fünf bis sieben Jahre. Noch sei die Wiese zu "starkwüchsig".

Ein Zuhörer will wissen, wie gemäht wird: "Naturschonend oder mit dem Kreiselmäher, dem viele Insekten zum Opfer fallen?" Für eine Sensenmahd ist die Mähfläche zu groß, so dass üblicherweise ein Kreiselmäher verwendet wird, antwortet Dorothee Hartmann. "Mit dem Balkenmäher wäre es besser, den hat aber kaum noch ein Landwirt." Die Mahdzeitpunkte orientieren sich an der früher üblichen und extensiven zweischürigen Wiesennutzung. Wichtig für eine gute Entwicklung der Wiese ist der Abtransport des Mähguts.

Bei dem Ortstermin geht es aber auch um Fische, für die Staustufen flussaufwärts ein unüberwindliches Hindernis sind. Verbund-Sprecher Syrowatka schildert die Absicht, dass auch in Neuhaus Fische ein Umgehungsgewässer bekommen sollen, ähnlich wie beim nächstgelegenen nördlichen Grenzkraftwerk Egglfing-Obernberg. Zusammen mit den weiter nördlich gelegenen Wasser-Kraftwerken Ering-Frauenstein und Braunau-Simbach gehören sie zum "Projektgebiet LIFE Riverscape Lower Inn", das Umgehungsgewässer für das Kraftwerk Schärding-Neuhaus zum "Projektgebiet LIFE Blue Belt Danube-Inn", eine von der Europäischen Union geförderte ökologische Entwicklung der Flusslandschaften. Das Projekt umfasst Dämme von insgesamt 40 Kilometern, erstreckt sich bis ins Jahr 2028 und hat ein Volumen von 40 Millionen Euro. "Das ist der Naturschutz-Hotspot Niederbayerns", sagt Landschaftsarchitekt Herrmann.

Zum Abschluss fragte Wildt: "Wir sind Zeuge des sechsten Artensterbens auf unserem Planeten. Brauchen wir mehr Dämme?" Es wäre schon viel geholfen, wenn an der einen oder anderen Stelle kein Mais angebaut, sondern eine artenreiche Wiese blühen würde, antwortet Herrmann.

Quelle: Passauer Neue Presse vom 10.05.2022
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